
Um es gleich vorneweg zu sagen: Enslaved sieht affengeil aus. Ich fange immer noch an zu sabbern wenn ich nur daran denke (und weiss Gott, ich bin grundsätzlich keine Grafikhure, die Wii hat mich anders gelehrt), aber es gibt einfach Spiele die mich aufgrund des Stils (Mirror’s Edge), des Settings (Apokalyptisch oder Postapokalyptisch bitte, à la Disaster: Day of Crysis), oder aufgrund der Details (Bioshock) mit offener Kinnlade vor dem Schirm stehen lassen. Und Enslaved erfüllt alle diese Eigenschaften, ein unglaubliches, wunderschön überwuchertes postapokalyptisches New York, welches sich dann mehr und mehr Richtung Steampunk bewegt, detailreiche, toll konstruierte Roboter, nette Lichteffekte, und so weiter. Alles ist da. Selbst die Kamera (welche keine grossen Scherereien macht) hat stellenweise sehr interessante Winkel auf Lager. Umwerfend.
Auch umwerfend sind die zwei Protagonisten, Trip und Monkey, welche zusammen mit der Story der Grundkern des Spieles sind. 150 Jahre von heute wird die Welt von Robotern beherrscht, die Menschen werden versklavt und sorgen in Fabriken und Minen für Nachwuchs bei den Robotern. Und hier fängt das Spiel auch an, unsere zwei Protagonisten finden sich auf einem Sklaventransportschiff wieder, und beiden gelingt die Flucht. Für Monkey, der Mann mit Muskeln auf den Muskeln, kommt es hingegen noch schlimmer, denn Trip, eine Computerspezialistin und Hackerin, hat ihm ein schmuckes Stirnband angelegt, welches ihn wieder zum Sklaven macht. Entfernt sich Monkey zu weit von Trip, oder stirbt sie, stirbt auch er. Auch Befehle können aufgezwungen werden, und so bleibt ihm nichts anderes übrig als ihrem Wunsch zu folgen und sie nach Hause zu bringen…
Und nicht nur die Story ist interessant, auch die Charaktere an sich. Monkeys Bewegungen sind unglaublich flüssig und natürlich, die Mimik ist bei beiden Charaktern unglaublich realistisch und zu all dem sind sie auch noch toll synchronisiert, im Englischen UND im Deutschen (eine Seltenheit an sich). Dies alles löst glaubhafte Emotionen aus, und man fühlt sich immer mehr verbunden mit den beiden.
Doch kommt all die schöne Grafik und Animation kommt leider auch mit einem hohen Preis: Die Unreal-Engine, welche für Enslaved verwendet wurde, scheint total überfordert zu sein, die Framerate geht in die Knie, das Spiel ruckelt oftmals wie Sau. Auch wird das Bild regelmässig zerissen (Tearing), und auch sonst sieht man manchmal wie das Spiel die Landschaft noch im Nachhinein scharf zeichnet. Und ob all dies nicht auch noch genug wäre, kommen auch noch Glitches vor. Manche sind nicht tragisch (so wachsen die Haare von Trip in sie hinein und weiter unten wieder hinaus), andere zwangen mich dazu vom letzten Checkpoint aus wieder zu starten (hauptsächlich irgendwo stecken bleiben). Die recht langen Ladezeiten tragen auch zu dem schlussendlich schlechten technischen Eindruck ab.
Doch, jetzt mal Story und Atmosphäre beiseite, wie ist das Gameplay? Dieses läuft ganz einfach ab: Klettern, Kämpfen, dazwischen Story. Ab und zu schauen noch “Rätsel” vorbei, welche aber überhaupt nicht fordern. Und damit sind sie nicht allein, die Kletterpassagen fordern auch nicht, mit dem Analogstick in die Richtung der glänzenden Objekte gezeigt, A gedrückt und fertig. Klar, so gehts etwa auch bei Assasin’s Creed zu, doch dort gibt es die Möglichkeit den falschen Weg zu wählen, und in den Abgrund zu stürzen. Bei Enslaved nicht. Auch ist vieles gescripted, es herrscht nicht oft genug ein richtiger Zeitdruck sich fortzubewegen (und Gründe dazu gäbe es zu genüge). Freut man sich anfangs noch ein wenig darüber, vermisst man später doch ein wenig die Herausforderung.Warum man hier mit Kinderhandschuhen angefasst wird, bei den Kämpfen hingegen nicht, ist mir ein Rätsel. Denn die Kämpfe sind an sich deutlich taktischer. So gibt es Bots mit Gatling-Guns, mit Stromschüssen, flinke, langsame, mit Schild, ohne Schild. Manche sind sogar defekt, was erlaubt sie als Waffe gegen andere Roboter zu benützen. Wie und wen man zuerst attackiert ist wichtig. Und auch die Bosskämpfe sind ähnlich genial gemacht. Wenn sich die Kämpfe jetzt nur besser spielen lassen würden…es gibt zwar auch Upgrade-Möglichkeiten, doch tragen sie nicht viel zur Vielfalt bei, da es fast keine neuen Moves zu kaufen gibt. Die Kämpfe sind demnach recht langweilig, der X-Knopf wird zu Tode malträtiert, und dass war es.
Leider verschenkt Enslaved zusammenfassend zu viel Potential. Zu den oben genannten Punkten kommt auch noch hinzu dass die recht amüsanten Hoverboard-Passagen viel zu wenig vorkommen, und Trip an sich wird komplett nicht ausgereizt. Schutz braucht sie viel zu selten, und auch die anderen Funktionen des Stirnbands, wie z.B. das Kommandieren, werden kaum genutzt. Das ganze Spiel scheint recht unfertig zu sein. Und trotzdem hat es mich mit seinen kurzen 8 Stunden bestens unterhalten. Wie schon der Grobi gesagt hat, manche Spiele machen auf dem Blatt keine gute Figur, doch können sie trotzdem sehr gut unterhalten.
Will man es kurz Ausdrücken: Das Game spielt sich etwa wie PoP: The Forgotten Sands. Nur mit Robotern anstatt Monstern. Und als Schauplatz dient nicht der überwucherte Orient, sondern das überwucherte New York. Wer also an PoP seine Freude hat, sollte auch hier auf seine Kosten kommen. Auch Freunde von einer guten Story und glaubwürdigen Charaktern werden ihren Spass haben. Leute die hingegen mehr auf Umfang, und Spiele mit viel und tiefem Gameplay stehen, sei eher davon abgeraten, oder sollten Probe spielen.
P.s. 1: Meine teils fragwürdigen Ausdrücke sollten als Wortwitz zu verstehen sein, Spieler des Games werden es hoffentlich sehen.
P.s. 2: Zum dritten Charakter, Pigsy, sage ich absichtlich nichts, denn ich mochte ihn nicht, er kommt erst spät im Spiel vor, und wichtig ist er auch nicht. Alles Gründe ihn zu ignorieren (und das kommende DLC über ihn auch).